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Ein grüner Arm hält Lebensmittel fest
Foto: MLR

Minister Hauk MdL eröffnet landesweite Aktionswoche „Lebensmittelretter – neue Helden braucht das Land“

Man habe noch einen langen Weg vor sich, um die weltweite Lebensmittelverschwendung gemäß dem Nachhaltigkeitsziel 12.3 der von den Vereinten Nationen formulierten Agenda 2030 auf Einzelhandels- und Verbraucherebene zu halbieren. Die Landesregierung sei aber mit vielen Partnern und auf allen Ebenen der Wertschöpfungskette auf einem guten Weg und habe das UN-Ziel der Halbierung auch im Koalitionsvertrag verankert. Die Digitalisierung könne dabei eine wichtige Rolle spielen. Und Verbraucherinnen und Verbraucher sollten wieder mehr auf ihre Sinne vertrauen, um zu beurteilen, ob ein Lebensmittel noch genießbar sei. Das war das Fazit, das Minister Peter Hauk MdL am Ende der Online-Veranstaltung zum Auftakt der landesweiten Aktionswoche am 29. September 2021 zog.

In seinem Grußwort betonte der Minister, dass die Wertschätzung von Lebensmitteln und die Vermeidung von Lebensmittelverschwendung der Landesregierung sehr am Herzen liege. Lebensmittelverschwendung sei „weder ökologisch, noch wirtschaftlich und schon gar nicht ethisch vertretbar. Denn mit den weggeworfenen Lebensmitteln landen auch wertvolle Ressourcen wie Ackerboden, Wasser und Dünger, Energie für Ernte, Verarbeitung und Transport im Müll“, betonte Hauk. Die Verschwendung von Lebensmitteln sei auch klimarelevant. Daher habe man in diesem Jahr bewusst den Internationalen Tag des Bewusstseins für Lebensmittelverluste und –verschwendung als Auftakt für die landesweite Aktionswoche „Lebensmittelretter – neue Helden braucht das Land“ gewählt.

In drei Talkrunden diskutierte der Minister mit seinen Gästen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Handel und Zivilgesellschaft Herausforderungen und Lösungsansätze, um das Nachhaltigkeitsziel 12.3 der Vereinten Nationen erreichen zu können. Ergänzt wurden die Talkrunden durch zwei Impulsvorträge. Es waren sich alle einig, dass die Bildungsarbeit ein wichtiger Baustein ist und bleiben wird. Man müsse Verbraucherinnen und Verbraucher oftmals nicht mehr vorhandenen Wissen zur Weiterverarbeitung, Lagerung und Haltbarkeit der Produkte vermitteln. Denn gerade in privaten Haushalten würde entlang der Wertschöpfungskette am meisten weggeworfen.

Besonders junge Menschen würden überdurchschnittlich viele Lebensmittel wegwerfen. Zu diesem Ergebnis kam Prof. Dr. Beate Scheubrein, Studiendekanin BWL-Handel, Duale Hochschule Baden-Württemberg in Heilbronn, bei einer an der Hochschule durchgeführten Studie unter Studierenden aus dem Jahr 2019. Die Gründe würden in einer Folgeerhebung aktuell abgefragt. Die ersten Erkenntnisse unterstrichen aber die Notwendigkeit, die Verbraucherbildung weiter im Fokus zu behalten.

Ministerialdirigentin Dr. Doris Heberle, Leiterin der Unterabteilung „Ernährung“ am Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), unterstrich, dass die Vermeidung von Lebensmittelverschwendung eine gesamtgesellschaftliche und hochkomplexe Aufgabe sei. Durch die vielen beteiligten Sektoren entlang der Wertschöpfungskette würden sich ebenso viele Ansatzpunkte ergeben. Und nur durch dieses Zusammenspiel aller Beteiligten und der jeweiligen Maßnahmen könne die Halbierung der Lebensmittelverschwendung bis 2030 gelingen. 2021 führte das Bundesministerium zum zweiten Mal die bundesweite Aktionswoche „Deutschland rettet Lebensmittel“ durch.

Der Dokumentarfilmer, Journalist und Autor Valentin Thurn („Taste the Waste“), lobte die Bemühung des BMEL, betonte aber auch, dass freiwillige Maßnahmen gegen Lebensmittelverschwendung oft nicht den gewünschten Erfolg brächten. Unternehmen sollten vielmehr durch ordnungspolitische Rahmenbedingungen in die Pflicht genommen werden. Diese sollten jedoch nicht über Verbote, sondern über Anreize, z. B. das Verteuern des Wegwerfens oder über rechtliche Erleichterungen bei der Rettung von Lebensmitteln laufen.

Sabine Hagmann, Hauptgeschäftsführerin des HBW-Handelsverbands Baden-Württemberg, griff diese Äußerung auf und äußerte den Wunsch, gesetzliche Erleichterungen im Bereich der Haftung bei der Weitergabe von Lebensmitteln zu gewähren. Die gehe nämlich nach Überschreitung des Mindesthaltbarkeitsdatums (MHD) auf diejenigen über, die diese Lebensmittel weiterverteilen wollten.

Inwieweit das MHD überhaupt noch zeitgemäß sei, wurde ebenfalls beleuchtet. Christian Böttcher, Leiter Politik und Kommunikation beim Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels e.V. (BVLH), bekräftigte die Notwendigkeit des MHD und dessen Qualitätsaussagen. Da aber von vielen Menschen der Begriff „Mindesthaltbarkeitsdatum“ oft nicht richtig interpretiert würde, zeige sich der BVLH offen für einen alternativen Ausdruck. Er sehe hier allerdings die EU in der Pflicht. Bei vielen lange haltbaren Lebensmitteln, z. B. Zucker oder Nudeln ohne Ei, könne das MHD entfallen.

Auch Dr. Ralf Greiner, Leiter des Instituts für Lebensmittel- und Bioverfahrenstechnik am Max Rubner-Institut, Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel, machte deutlich, dass es bei den meisten Lebensmitteln nicht ohne eine Datumsangabe ginge. Entscheidend sei das Vorliegen eines Qualitätsmerkmals, das entsprechend verständlich kommuniziert werden müsse. Wünschenswert wäre auch, dass der Begriff „Verfallsdatum“, wie das MHD auch alternativ genannt würde, aus dem Sprachgebrauch verschwinde. Denn die meisten Lebensmittel seien auch nach dem Überschreiten des MHD noch einige Zeit genießbar. Hier dürften Verbraucherinnen und Verbraucher auf ihre Sinne vertrauen und durch Anschauen, Riechen und Schmecken noch verzehrsfähige Lebensmittel erkennen.

Wie Bayern bei der Vermeidung von Lebensmitteln vorgeht, skizzierte Ministerialdirigent Ludwig Wanner, Abteilungsleiter Ernährung und Markt, Bayerisches Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Das Bündnis „Wir retten Lebensmittel“ bestehe seit 2016. Mit seinen Partnern aus den Bereichen Erzeugung, Verarbeitung, Lebensmittelhandel, Außer-Haus-Verpflegung und mit Verbraucherorganisationen würden Strategien und Maßnahmen gegen Lebensmittelverschwendung entwickelt und umgesetzt. So solle z. B. die eigens entwickelte „Stocky-App“ Verbraucherinnen und Verbraucher bei der Essensplanung so unterstützen, dass möglichst wenig Lebensmittel weggeworfen werden. Betriebe in der Außer-Haus-Verpflegung würden durch Coachings unterstützt und über Wettbewerbe bei Start-Ups oder im Lebensmitteleinzelhandel Ideen generiert. Das Ernährungsbildungsprojekt „Lebensmittelfreunde“ solle bereits Kinder in der Grundschule zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Nahrungsmitteln sensibilisieren.

Auch die Digitalisierung könne eine wertvolle Unterstützung bei der Vermeidung von Lebensmittelverschwendung darstellen. Dabei sei die Generierung von Daten ein wesentlicher Bestandteil. Denn nur mit validen Daten könnten Lebensmittelabfälle erfasst und die Effektivität von Maßnahmen bewertet werden. Dominik Leverenz, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Siedlungswasserbau, Wassergüte- und Abfallwirtschaft, Lehrstuhl für Abfallwirtschaft und Abluft, Universität Stuttgart, untersucht dafür die Lebensmittelabfälle in der Außer-Haus-Verpflegung. Zur einfacheren Messung der Lebensmittelabfälle durch das Küchenpersonal, auch im Hinblick auf ein Langzeit-Monitoring, wurde eine über einen Computer bedienbare Waage entwickelt. Für private Haushalte stünde eine kostenlose App zur Verfügung, sodass auch Verbraucherinnen und Verbraucher ihre weggeworfenen Lebensmittel erfassen könnten. Er sehe in der Vernetzung von digitalen Küchengeräten noch großes Potenzial.

Zur Frage, wie künstliche Intelligenz Lebensmittelverschwendung eindämmen kann, forscht Patrick Zimmermann, Fraunhofer-Institut für Gießerei-, Composite- und Verarbeitungstechnik IGCV. Dabei untersucht er im vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie geförderten Projekt „REIF“ u. a. wie optimale und gleichbleibende Bedingungen bei der Lebensmittelproduktion von Anfang an gewährleistet werden könnten. Er versucht außerdem zu ermitteln, wie groß die Kaufbereitschaft von Verbraucherinnen und Verbrauchern in Abhängigkeit des Erreichens des MHD ist. Zimmermann plädierte für Transparenz und einen Austausch vorhandener Daten auf allen Ebenen der Wertschöpfungskette, um diese optimal nutzen zu können. Dabei sei die Monetarisierung der Daten sowie ein angepasster Datenschutz notwendig.

Franziska Lienert von „Too good to go“ stellte die gleichnamige App vor. Verbraucherinnen und Verbraucher könnten darüber überschüssige Gerichte oder Lebensmittel zu rund einem Drittel des Originalpreises erwerben. Partner der App seien z. B. Bäckereien, Supermärkte, Restaurants, Hotels oder auch die Lebensmittelhersteller selbst. Über die international verbreitete App konnten laut Too good to go in Deutschland bereits fast zehn Millionen Portionen gerettet werden.

In seinen abschließenden Worten betonte Minister Hauk MdL noch einmal, wie wichtig die Vermittlung der Wertschätzung von Lebensmitteln sei. Hier sei das Land mit seinen Ernährungs-Bildungsangeboten für jedes Alter, aber auch mit seinen zahlreichen Projekten in der Gemeinschaftsverpflegung, gut aufgestellt, die vom Landeszentrum für Ernährung und den unteren Landwirtschaftsbehörden umgesetzt würden. Jeder könne etwas in seinem persönlichen Rahmen gegen Lebensmittelverschwendung tun, denn nur gemeinsam wäre man erfolgreich.

 

Hintergrund

Unter dem Motto „Lebensmittelretter – neue Helden braucht das Land“ fand in diesem Jahr zum dritten Mal die landesweite Aktionswoche zur Lebensmittelwertschätzung als Teil der Strategie des Landes zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung statt. Neben der Online-Veranstaltung, deren Live-Mitschnitt auf der Lebensmittelretter-Seite abrufbar ist, bot das Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz in den sozialen Medien verschiedene Kurzclips mit praktischen Tipps für den Alltag an. Außerdem können Verbraucherinnen und Verbraucher vom 22. September bis 13. Oktober 2021 an mehreren Quizzen und Umfragen zum Thema Vermeidung von Lebensmittelverschwendung teilnehmen und bei einem Gewinnspiel mitmachen.

Parallel zur landesweiten Aktionswoche fand in diesem Jahr auch die bundesweite Aktionswoche „Deutschland rettet Lebensmittel“ statt, die ebenfalls mit verschiedenen Aktionen auf das Thema Lebensmittelwertschätzung aufmerksam machte. Anlässlich des Internationalen Jahres für Obst und Gemüse erhielt das Thema „Obst und Gemüse“ einen besonderen Schwerpunkt. Weitere Informationen zur bundesweiten Aktionswoche sind auf www.deutschland-rettet-lebensmittel.de zu finden.

Ausführliche Informationen zur Aktionswoche „Lebensmittelretter“ und zur Vermeidung von Lebensmittelverschwendung erhalten Sie hier:

www.lebensmittelretter-bw.de
Live-Mitschnitt der Online-Veranstaltung „Lebensmittelretter – neue Helden braucht das Land“
www.instagram.com/mlr_bw/ (#lebensmittelretter)
www.landeszentrum-bw.de

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